Künstler waren und sind stets auf der Suche nach Inspirationsquellen. Ursprüngliche Landschaften fernab der Städte inspirieren nicht nur Maler. Ende des 19. Jahrhunderts fanden nicht wenige von ihnen den Ort ihrer Sehnsucht in einem verträumten Fischerdorf an der Ostseeküste auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Sie ließen sich dort nieder und gründeten eine Künstlerkolonie, deren Geschichte bis heute fortwirkt und davon zeugt, wie auch die Kunst Mecklenburg Vorpommern prägte.
Die unberührte Naturschönheit zwischen Ostsee und Saaler Bodden zog um 1900 zahlreiche Künstler geradezu magisch an. Im idyllisch gelegenen Ahrenshoop und seiner Umgebung fanden sie malerische Landschaften, Ruhe und ein unvergleichliches Licht. Von der unberührten Natur fernab der Industrialisierung der Städte fasziniert, siedelte sich 1892 der Oldenburger Maler Paul Müller-Kaempff in dem Dörfchen an. Er gilt als Begründer der Kolonie. Als zwei der ersten folgten noch im selben Jahr die Schwestern Anna und Bertha Gerresheim seinem Beispiel. Es entstand eine Gemeinschaft, der sich schnell eine Vielzahl von modernen Künstlern anschloss. Unter ihnen Friedrich Wachenhusen, Fritz Grebe, Thuro Balzer, Oskar Frenzel, Theobald Schorn, Hugo Müller-Lefensdorf, Carl Rahtjen, Franz Triebsch, Elisabeth von Eicken und Doris am Ende. In dem Ort, der traditionell durch den Fischfang geprägt war, erweckten sie eine progressive Künstlergemeinschaft mit internationaler Ausstrahlung zum Leben. Alle pflegten einen offenen Umgang miteinander und es war die Liebe zur Landschaft und Natur, die sie verband, nicht etwa ein festgelegter Stil oder ein theoretischer Überbau.
Gemeinsam mit Friedrich Wachenhusen eröffnete Müller-Kaempff 1894/95 das Haus St. Lukas – eine Pension und Malschule, die vor allem Frauen offen stand, denen der Zugang zu staatlichen Kunstakademien noch bis 1919 verwehrt war. Um 1900 arbeiteten und unterrichteten 16 Maler in und um Ahrenshoop. Der Ahrenshooper Kunstkaten entstand 1909 als eine Galerie für dem Ort verbundene Künstler und war damit zugleich ein Ausstellungsort, der für überregionale Wahrnehmung sorgte. Der zauberhafte Landstrich hat immer wieder Künstler angezogen. Viele kamen, um hier zu arbeiten und Urlaub zu machen. Namhafte Künstlerkollegen wie Louis Douzette, Erich Heckel, Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin, Georg Ludwig, César Klein und Dora Koch-Stetter waren von der Gegend fasziniert.
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges markiert das Ende der Künstlerkolonie Ahrenshoop. In den Kriegswirren verstreute es die Künstler in allen Himmelsrichtungen. Nach 1918 zog das Fischerdorf vor allem in den Sommermonaten wieder zahlreiche Maler an – darunter Alfred Partikel, Theodor Schultze-Jasmer und Hedwig Woermann. Ab 1922 lebte und arbeitete der Kunstmaler Hans Brass für mehr als zwanzig Jahre im Ort und gründete gemeinsam mit Martha Wegschneider die Bunte Stube, die noch heute ihre Waren anbietet. Unweit des Dorfes fand der bekannte Maler Korl Meyer Anfang der 30er Jahre sein Domizil. Auch der Rostocker Kunstmaler Rudolf Schmidt-Dethloff unterhielt hier von 1948 bis 1953 sein Atelier sowie eine Malschule.
In den letzten 180 Jahren entstanden überall in Europa zahlreiche Künstlerkolonien. Angesiedelt in Landschaften mit hoher Anziehungskraft schlugen sie Brücken zwischen dörflicher Tradition und Kunstschaffen. Der besondere Reiz der Ostseeküste Mecklenburgs zog Künstler beispielsweise auch nach Hiddensee, Usedom und Schwaan und ließ sie dort Künstlerdörfer erschaffen. Im Vergleich fällt vor allem die hohe Produktivität der Künstlerkolonie Ahrenshoop auf. Die Gemeinschaft bot Malern und Malerinnen unterschiedlichster Stilrichtungen Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch und befruchtete ihr Schaffen.
Die Künstlervereinigung hat das verschlafene Fischerdorf wachgeküsst und diesen faszinierenden Küstenort unauflöslich mit der Kunstentwicklung der Moderne verknüpft. Ihr Einfluss prägte das Land nachhaltig. Weit über die aktive Zeit der Künstlervereinigung hinaus reicht ihre Ausstrahlung bis in die Gegenwart. Auch heute beziehen Künstler Ahrenshooper Ateliers, leben und arbeiten hier. Galerien und offene Werkstätten laden Besucher zu Ausstellungen oder zum kreativen Mitmachen ein. Wer möchte, kann sich ein innovatives Andenken gleich mit nach Hause nehmen.
Die Bedeutung der Künstlerkolonie innerhalb der deutschen Kunstgeschichte veranschaulicht das ansässige Kunstmuseum. Neben vielen Vertretern der Kolonie finden sich hier Werke von Liselotte Dross, Martin Körte, Fritz Koch Gotha und Gerhard Marcks. Der Traditionspflege hat sich auch der nach umfassender Sanierung wieder eröffnete Ahrenshooper Kunstkaten verschrieben. Das Künstlerhaus Lukas steht heute Stipendiaten unterschiedlicher Kunstsparten offen und fördert somit noch immer aktiv das Kunstschaffen.
Mit seinem unverwechselbaren Flair ist Ahrenshoop nicht nur ein landschaftlich einzigartiges Urlaubsziel. Touristen können hier den Spuren zahlreicher Künstler folgen und hautnah erleben, wie die Kunst das Land und das Land die Kunst geprägt hat.